ÜBER DEN UMGANG MIT NICHTWISSEN

Text von Johannes Wiek

Interview mit Dr. David Hornemann v. Laer, Kunstwissenschaftler und Bildungsforscher auf der Suche nach der idealen Lernsituation. Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Kunst und ästhetische Forschung und Habilitand im Zentrum Studium fundamentale. 

Worum geht es in deinen Seminaren?

Darum, wie man durch Kunst lernen kann, sich im Nichtwissen zu orientieren und neue, eigene Wege zu finden. Ich beschäftige mich mit den Themen Sehen, Wahrnehmen und Denken. Sie beschreiben Tätigkeiten, die nur dann stattfinden, wenn wir aktiv sind. Wenn ich etwas durchdringen will, muss ich immer wieder neu hinschauen und selber neu denken. Und deshalb ist auch jedes Seminar ein Versuch, einen neuen Anfang zu finden und nicht, etwas nur abzuspulen.

Und wie geht das?

Es geht darum, sich in die gleiche Situation zu bringen, in der ein Künstler ist, wenn er ein neues Kunstwerk schafft. Er muss einen Anfang finden. Er weiß noch nicht, was er machen soll und findet dann aus einem nicht vorgefertigten Plan heraus die ersten Schritte. Dann gehen die Dinge schief. Er schläft darüber, fängt wieder an. Er geht also in einen ausgedehnten Wahrnehmungsprozess und prüft das, was er vor sich sieht, immer wieder auf Stimmigkeit und Funktionalität: Spricht mich das Werk an? Entfaltet es eine Wirkung? Ist es langweilig? Letztlich ist es der Versuch, von der eigenen Vorstellung wegzukommen hin zu der Sache selbst. Von diesen Prozessen, die Künstler*innen schon immer durchmachen, können wir etwas ganz Entscheidendes lernen: Sich auf seine eigene Wahrnehmung zu verlassen, als Kompass für eine Orientierung im Ungewissen. Und in diese Prozesse kommen wir gemeinsam, wenn wir den Mut aufbringen, uns erst einmal darauf einzulassen, die Werke verschiedener Künstler*innen wirklich anzuschauen.

 

„Wenn ich mich darauf einlasse, die Kuh

wirklich wahrzunehmen, dann sagt sie mir, wie sie behandelt werden will.“

 Dr. David Hornemann v. Laer

Wie kann man das denn auf die Welt jenseits der Kunst anwenden?

Nehmen wir das Thema Landwirtschaft. Wenn der Bauer eine Kuh wirklich anschauen würde, dann würde er ihr nicht die Hörner entfernen und sie als Turbo-Kuh in einen zu engen Käfig sperren. Wenn wir die Tiere wahrnehmen würden, hätten wir keine Massentierhaltung in ihrer bisherigen Form. Wenn wir uns auf unsere eigene Wahrnehmung einlassen würden, gäbe es das Empfinden, dass das einfach nicht gesund sein kann. Das mag zwar ökonomisch wirken, aber heute wissen wir doch, dass die Ökobilanz dieser Form von Tierhaltung alles andere als wirtschaftlich sinnvoll ist. Wenn ich mich darauf einlasse, die Kuh wirklich wahrzunehmen, dann sagt sie mir, wie sie behandelt werden will. Und das gilt für alle Bereiche, in denen wir heute immer weitreichendere Probleme wahrnehmen – bei weitem nicht nur für die Landwirtschaft.

 

Das heißt also, dass wir erst einmal unsere Wahrnehmung schulen sollten, ehe wir versuchen, 

in Verhältnisse einzugreifen und sie zu gestalten?

Ganz genau. Wie ich meine Mitmenschen, meine Umwelt und mich selbst sehe, wie ich Fremdes, Neues, Unbekanntes betrachte, hängt entscheidend von der Beschaffenheit meines  Blickes ab: Nicht nur die Einschätzung von Expert*innen, die Diagnose von Ärzt*innen, das Urteil der Politiker*innen, auch unsere ganz alltäglichen Handlungen werden entscheidend davon bestimmt, wie wir die Dinge sehen können. Ob sich der Blick in Illusionen oder Traumgebilden verfängt, ob er die Welt durch eine rosarote oder dunkel gefärbte Brille wahrnimmt, oder ob er starr wird und nicht mehr mitbekommt, was links und rechts geschieht, all das hat entscheidenden Einfluss darauf, wie uns unsere Umgebung erscheint, welche Entscheidungen wir treffen und wie wir uns verhalten. Und unsere Wahrnehmung können wir schulen. Mit ihr können wir die Welt verändern – jede und jeder von uns. Wir sollten also das Nicht-Wissen weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance begreifen, da es uns die Möglichkeit eröffnet, die Welt und nicht zuletzt uns selbst neu zu sehen und zu entdecken.